Ökonomische Zukunftsforschung: Wirtschaft vordenken - FOM forscht

Ökonomische Zukunftsforschung: Wirtschaft vordenken

Foto: rzoze19/Thinkstock

20.04.2017 – In ihrem gerade in der FOM-Edition erschienenen Fachbuch Ökonomische Zukunftsforschung: Grundlagen – Konzepte – Perspektiven beschreiben Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth und Dr. Rainer Kühn konzeptionelle Fundamente der Zukunftsforschung, einer ursprünglich US-amerikanischen Querschnittsdisziplin. Neben einem angepassten Wissenschaftsleitbild geht es vor allem um unternehmerische Anwendungsfelder: Organisationsentwicklung, Innovationsmanagement und die Wirkungsweise zukunftsforscherischer Verfahren. Was es damit auf sich hat, erklären Sie hier in Form kurzer Wissens-Nuggets: Wo steht Zukunftsforschung heute?

Teil 5: Bewertungskriterien pro & contra Zukunftsforschung

Ist Zukunftsforschung, etwa bei Innovationsmanagement oder Organisationsentwicklung, eine Option auch für das eigene Unternehmen? Anhand welcher Maßstäbe bekommt man das heraus?

Für das Thema Veränderung gilt das Gleiche wie für das meiste andere im Leben auch: Man muss wissen, wer man ist. Hier gibt es kein ‚besser’ oder ‚schlechter’, sondern nur das, was man bei Individuen Persönlichkeit, ihr Wesen oder Identität nennt. Manche brauchen Stabilität, andere Dynamik; einige Ruhe, andere ständig Impulse von außen. Das gilt für Organisationen gleichermaßen, nur ist diese Perspektive in den Wirtschaftswissenschaften ungewöhnlich, hier argumentiert man gerne „universalistisch“. Für Zukunftsforschung jedenfalls gilt, zum Beispiel: „Wir bauen Autos, um davon zu leben“ (nicht: „Wir leben, um Autos zu bauen“). Für Zukunftsforschung gilt daher auch: Legitimation und langfristiger Erfolg einer Wirtschaftsorganisation ergeben sich aus Sinn und Bedeutung dessen, was sie tut, herstellt oder anbietet. Nicht daraus, wie gut sie rechnet, ihre Strukturen optimiert oder Wettbewerber aufkauft (= ‚Wir leben, um erfolgreich zu sein’).

Von großartigen Wegbereiter*innen und Mit-Erfinder*innen des zukunftsforscherischen Unternehmertums wie Jack Welch lässt sich hier viel lernen.

„Gewinnen hat im Grunde überhaupt gar nichts mit dem Markt zu tun … Für uns bedeutet Gewinnen so etwas wie eine persönliche Reise. Es geht deshalb um Sie als Individuum, das sich ein Ziel gesteckt hat und alles daran setzt, dieses zu erreichen… Das Herzstück beim Gewinnen ist doch, dass man etwas aus dem eigenen Leben macht. Es geht um Fortschritt und Bedeutung.“ (lesenswert in Gänze, aus „Winning. Die Antworten“, Campus 2007, 244).

Viele Unternehmer geraten bei diesen Sätzen ins Staunen: Welch war einer der unbarmherzigsten Erfolgstreiber unter den Unternehmer*innen des 20. Jahrhunderts. Seine Führungshärte ist legendär. Sind solche Zeilen nur PR? Wäscht sich hier jemand im Nachhinein moralisch rein?

Keineswegs. Hier hat bloß jemand ein anderes Unternehmensleitbild entwickelt als das, was die Wirtschaftswissenschaften propagieren. Und mit maximalem Erfolg praktiziert (auch, wenn sich über den Führungsstil trefflich streiten lässt). An erster Stelle steht der Sinn („wozu machen wir das alles überhaupt?“), erst danach folgt die wirtschaftliche Begründung (Kennzahlen, smarte Ziele usw.). „Lieber vage richtig als präzise falsch liegen“ ist denn auch seit Anbeginn der Zukunftsforschung eines ihrer zentralen Motti. Wenn die Kernorientierung nicht stimmt, ist alles andere wertlos – auch, wenn es noch so präzise berechnet ist.

Die kalifornische Ökonomie hat dafür eine eigene Metapher erfunden: Sie innoviert in der Perskeptive sogenannter Moonshots – extrem langfristige Unternehmensvisionen (Besiedelung des Mars, Lebensverlängerung auf 200 Jahre usw.), frei nach der Devise: „Wenn das überhaupt jemand schafft, dann wir!“ Genau das ist Gewinnen im Sinne von Jack Welch – und von Zukunftsforschung. Aus dem eigenen Organisationsleben etwas machen, Bedeutung generieren. Wenn das gelingt: wenn Unternehmen für Menschen Sinn erzeugen, sind Gewinn und Wachstum logische und konsequente Nebenfolgen eines solchen Wirtschaftens. Denn Menschen leben nicht für die Wirtschaft. Aber sie investieren mitunter sehr viel in ihrem Leben für die Wirtschaft oder ein Unternehmen, wenn diese ihr Leben bedeutungsvoller machen.

Pro oder contra Zukunftsforschung also? Das hängt eben von der Identität der Organisation ab. Genauer davon, wer sie sein will: Wie andere künftig von diesem Unternehmen reden sollen, wer es ist. Das muss man aber erst einmal selbst identifizieren. Zukunftsforschung basiert unabdingbar auf dem Willen, genau das herauszubekommen und die Erwartungen aller Beteiligten daraufhin zu managen; und zwar die der anderen wie die eigenen. Jede Zukunftsforschung ist Organisationsentwicklung – immer. Sie verändert die eigene Perspektive. Wer das nicht möchte, sollte die Finger davon lassen.

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth, KCT KompetenzCentrum für Technologie- & Innovationsmanagement

Der nächste Beitrag über die Frage, ob Zukunftsforschung nicht mehr Kunst als Wissenschaft sei, erscheint am 27. April 2017. Bisher veröffentlicht sind Abenddämmerung der Prognostik, Morgenröte der Antezipation, Innovationen in einer VUCA-World. und Die lehrreichen Gegenspieler – Zukunftsforschung versus Controlling.

Das Fachbuch Ökonomische Zukunftsforschung. Grundlagen – Konzepte – Perspektiven ist in der FOM-Edition im Springer Gabler Verlag erschienen. In dieser Reihe publizieren FOM Hochschullehrende sowohl wissenschaftliche Fachbücher und praxisorientierte Sachbücher zu aktuellen Brennpunktthemen als auch Lehrbücher, die durch ihre didaktische Aufbereitung eine ideale Ergänzung zu den Vorlesungen der Hochschule bieten.

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