Ökonomische Zukunftsforschung: Wirtschaft vordenken - FOM forscht

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Ökonomische Zukunftsforschung: Wirtschaft vordenken

Foto: rzoze19/Thinkstock

23.03.2017 – In ihrem gerade in der FOM-Edition erschienenen Fachbuch Ökonomische Zukunftsforschung: Grundlagen – Konzepte – Perspektiven beschreiben Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth und Dr. Rainer Kühn konzeptionelle Fundamente der Zukunftsforschung, einer ursprünglich US-amerikanischen Querschnittsdisziplin. Neben einem angepassten Wissenschaftsleitbild geht es vor allem um unternehmerische Anwendungsfelder: Organisationsentwicklung, Innovationsmanagement und die Wirkungsweise zukunftsforscherischer Verfahren. Was es damit auf sich hat, erklären sie hier in Form kurzer Wissens-Nuggets: Wo steht Zukunftsforschung heute?

Teil 1: Abenddämmerung der Prognostik

Die Zukunft beforschen: Geht das überhaupt? Wie lässt sich etwas untersuchen, was es (noch) gar nicht gibt?

Die hartnäckige Skepsis gegenüber dieser Disziplin ist verständlich und hat eine Tradition, die so alt ist wie das Abendland. Das, was wir seither gelernt haben, Wissenschaft zu nennen, basiert im Wesentlichen auf sachlogischem Denken (allen voran in den Naturwissenschaften). Nicht aber auf zeitlogischem. Was soll das überhaupt sein? Nur ein Disziplinen-Beispiel liegt dafür bis heute vor: der Anspruch, die Vergangenheit ergründen zu wollen (Historiker). Das ist schon exzentrisch genug, denn wie soll man beispielsweise Kulturen erforschen, die es seit Jahrtausenden nicht mehr gibt? Immerhin, wir haben uns daran gewöhnt. Nun also die Zukunft. Ist mittlerweile auch die Wissenschaft im „postfaktischen“ Zeitalter angekommen?

Mitnichten. Sie zieht lediglich die Konsequenzen daraus, dass sich die Welt weiterentwickelt hat und dass dies konsequenterweise auch für die Wissenschaft gelten muss – ob diese das nun begrüßt oder nicht. Nehmen wir die in den Wissenschaften traditionsreichste Methode, um in die Zukunft hineinzugreifen: die Prognostik. Mit „harten“ Zahlen, Daten und Fakten – auf solidem, vermeintlich sicherem Grund – soll das Kommende erschlossen werden. Der mental abgeschirmte, perfekt tabuisierte zeitlogische Hintergrund: Dies wird ausschließlich mit Hilfe der Vergangenheit praktiziert. „Daten“ (Gegebenes von Gestern) werden wahrscheinlichkeitstheoretisch kalkuliert, hochgerechnet, projiziert, extrapoliert: Wer die Vergangenheit kennt, kennt – zumindest annäherungsweise – auch die Zukunft, so die dahinterstehende Annahme.

Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen. Allerdings nur unter spezifischen und hoch unwahrscheinlichen Voraussetzungen: dass die Welt sich ruhig, stetig und ohne großen Umbrüche entwickelt. „Disruptionen“ etwa sind nicht vorgesehen. Wenn aber die Situation eintritt, dass die Gesellschaft ‚instabil’ wird – sich die Veränderungsdynamik erhöht, Tempo, Struktur- und Ereignis-Komplexität zunehmen – wird die Unterstellung, allein mit der Vergangenheit Zukunft erschließen zu wollen, unhaltbar. Diese Rezeptur der Prognose ist und bleibt nützlich für robuste und überwiegend konstante Bedingungen; etwa für Unternehmen, die in sich nur langsam verändernden Umfeldern operieren. Sie erodiert jedoch, wenn Umwälzungen zu der Annahme zwingen, dass die Zukunft anders sein wird als Gegenwart und Vergangenheit. Wenn diese Situation eintritt – und genau da befinden wir uns –, beginnt die Abenddämmerung der Prognostik. Sie ist für derartige Verhältnisse das falsche Instrument. Aus der Organisationsentwicklung ist das Bonmot bekannt, wer nur einen Hammer kennt, für den bestünde die Welt nur aus Nägeln. Wer für Zukunftsvorsorge nur Prognostik kennt, für den bleibt die Zukunft immer nur aus der Gegenwart ableitbar. Und als Voraussetzung für praktische Zukunftsbearbeitung, also für erfolgreiches Handeln, ist diese Annahme nicht nur logisch fragwürdig, sondern gefährlich.

Zeitlogisch Wissenschaft zu betreiben, ist zugegebenermaßen neu und befremdlich. Die Frage ist jedoch, ob die Komplexitätsprobleme, mit denen unsere Gesellschaften heute zu kämpfen haben, auf unsere Befindlichkeiten Rücksicht nehmen – und daher, ob wir uns diese Haltung leisten können.

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth, KCT KompetenzCentrum für Technologie- & Innovationsmanagement

Der nächste Beitrag Morgenröte der Antezipation erscheint am 30. März 2017.

 

Das Fachbuch Ökonomische Zukunftsforschung. Grundlagen – Konzepte – Perspektiven ist in der FOM-Edition im Springer Gabler Verlag erschienen. In dieser Reihe publizieren FOM Hochschullehrende sowohl wissenschaftliche Fachbücher und praxisorientierte Sachbücher zu aktuellen Brennpunktthemen als auch Lehrbücher, die durch ihre didaktische Aufbereitung eine ideale Ergänzung zu den Vorlesungen der Hochschule bieten.

 

 

 

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