Ökonomische Zukunftsforschung: Wirtschaft vordenken - FOM forscht

Ökonomische Zukunftsforschung: Wirtschaft vordenken

Foto: rzoze19/Thinkstock

13.04.2017 – In ihrem gerade in der FOM-Edition erschienenen Fachbuch Ökonomische Zukunftsforschung: Grundlagen – Konzepte – Perspektiven beschreiben Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth und Dr. Rainer Kühn konzeptionelle Fundamente der Zukunftsforschung, einer ursprünglich US-amerikanischen Querschnittsdisziplin. Neben einem angepassten Wissenschaftsleitbild geht es vor allem um unternehmerische Anwendungsfelder: Organisationsentwicklung, Innovationsmanagement und die Wirkungsweise zukunftsforscherischer Verfahren. Was es damit auf sich hat, erklären Sie hier in Form kurzer Wissens-Nuggets: Wo steht Zukunftsforschung heute?

Teil 4: Die lehrreichen Gegenspieler – Zukunftsforschung versus Controlling

Zukunftsforschung ‚dealt’ mit Zeit, nicht mit Sachen. Einschlägiger Einwand: „Aber man muss doch die Sachen (ökonomisch codiert in Zahlen) im Griff behalten!“ Was vielen unlogisch erscheint, fußt tatsächlich auf einem Wechsel der Logik-Art: von Sach- zu Zeitlogik. Das ist zwar fremdartig, aber nicht unplausibel. Denn jedem könnte einleuchten, dass man Neues nicht – sachlogisch – mit Bekanntem, also uns bereits vertrauten Dingen, vergleichen kann (sonst wäre es nicht neu). Mit was aber dann? Was sind vernünftige Bewertungsmaßstäbe für „Newness“?

Die Kriterien Sinn und Bedeutung. Zeitlogisch Veränderung zu planen heißt, sich bewusst dafür zu entscheiden, Sinn und Bedeutung einer Innovation höher zu bewerten als ihre planerische Präzision – denn präzisieren lässt sich eine Sache, die man noch nicht kennt und die noch gar nicht existiert, eben kaum. Man kann sich nur bewusst dafür entscheiden; zum Beispiel, weil diese Orientierung so extrem gut zu ‚uns’ passt; weil sie das ist, was wir uns ‚eigentlich’ immer gewünscht haben; weil wir damit unseren Markt – womöglich die Welt! – einen erheblichen Schritt nach vorn bringen können; weil es genau das ist, was unsere Kund*innen uns immer sagen…

Für Controller ist diese Situation ein Alptraum, denn die Basis, die unternehmerisch ganz prinzipiell für Planung vorgesehen ist, wird damit quasi ausgesetzt. Hier bricht das, was uns gelehrt wurde, worin unternehmerische Sicherheit einzig liegen kann – eben: womit wir rechnen –, auf einen Schlag weg. Das prominente Gegenargument lautet: „Wir müssen aber doch messen!“ Selbstverständlich – auch. Unternehmen, die zukunftsforscherisch arbeiten, reklamieren deutlich weitergehende Ansprüche an Veränderungen als ihre Konkurrenten. Sie wollen nicht einsparen und optimieren, sondern radikale Innovationen entwickeln. Sie überprüfen mithilfe zukunftsforscherischer Methoden fiktional die tatsächlich gegebenen unternehmerischen Möglichkeiten. Letztlich lässt sich der Unterschied auf einen einfachen Nenner bringen: Die einen folgen Trends, die anderen setzen welche. Und wenn Unternehmen den Eindruck bekommen, dass sie ohne radikalere Ansprüche letztlich zu den Verlierern gehören werden, bewegen sie sich eben doch – trotz Sturm laufender Controller*innen.

Dabei ist die „Renitenz“ der Controller*innen vernünftig, denn Wettbewerbsdruck oder Zukunftsforschung sind eben kein Argument für eine Ignoranz der Sachen. Die zukunftsforscherische Einsicht: Beides liegt auf ganz verschiedenen logischen Ebenen – bloß kennt die BWL nur eine, nämlich die sachlogische. Beide haben Recht, sowohl Controller als auch Zukunftsforscher. Das ist aber bisher in den Sozialwissenschaften noch nicht denkmöglich. „Entweder – oder“ heißt unser logisches Motto; alles andere gilt als unvernünftig.

Dass diese Haltung einer komplexen VUCA-World längst nicht mehr angemessen ist, weiß zwar jeder, aber so gut wie keiner zieht Konsequenzen daraus. Angewandte ökonomische Zukunftsforschung praktiziert genau das. (Eine Methode, verschiedene logische Ebenen gleichzeitig analytisch zu bewerten, ist beispielsweise die Szenariotechnik.)

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth, KCT KompetenzCentrum für Technologie- & Innovationsmanagement

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob ein derartig neues Instrument wie Zukunftsforschung für das eigene Unternehmen geeignet sein mag. Dazu der nächste Beitrag am 20. April 2017. Bisher veröffentlicht sind Abenddämmerung der Prognostik, Morgenröte der Antezipation und Innovationen in einer VUCA-World.

Das Fachbuch Ökonomische Zukunftsforschung. Grundlagen – Konzepte – Perspektiven ist in der FOM-Edition im Springer Gabler Verlag erschienen. In dieser Reihe publizieren FOM Hochschullehrende sowohl wissenschaftliche Fachbücher und praxisorientierte Sachbücher zu aktuellen Brennpunktthemen als auch Lehrbücher, die durch ihre didaktische Aufbereitung eine ideale Ergänzung zu den Vorlesungen der Hochschule bieten.

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