Ökonomische Zukunftsforschung: Wirtschaft vordenken - FOM forscht

Ökonomische Zukunftsforschung: Wirtschaft vordenken

Foto: rzoze19/Thinkstock

30.03.2017 – In ihrem gerade in der FOM-Edition erschienenen Fachbuch Ökonomische Zukunftsforschung. Grundlagen – Konzepte – Perspektiven beschreiben Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth und Dr. Rainer Kühn konzeptionelle Fundamente der Zukunftsforschung, einer ursprünglich US-amerikanischen Querschnittsdisziplin. Neben einem angepassten Wissenschaftsleitbild geht es vor allem um unternehmerische Anwendungsfelder: Organisationsentwicklung, Innovationsmanagement und die Wirkungsweise zukunftsforscherischer Verfahren. Was es damit auf sich hat, erklären Sie hier in Form kurzer Wissens-Nuggets: Wo steht Zukunftsforschung heute?

Teil 2: Morgenröte der Antezipation

Wissenschaftliche Zukunftsforschung gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Sie repräsentiert eine Disziplin, die nicht prognostisch die Zukunft aus der Vergangenheit ableitet. Die also das, was kommt, auf andere Weise erkunden will als über den alten Taschenspielertrick, mit Hilfe von bereits Bekanntem (Daten) etwas völlig Neues herbeizuzaubern. Daher lautet die Kernfrage: Wie lässt sich auf gedanklich und methodisch kontrollierte Weise Neues extrapolieren; und zwar radikal Anderes, zu dem bislang keinerlei Erfahrungen vorliegen? Auf welche Weise kann so etwas überhaupt vorgestellt werden: Wie kann man etwas denken, das man nicht kennt?

Das alternative Paradigma zur Prognostik – also der zukunftsforscherische Vorschlag – heißt Antezipation: eine spezielle Art der gedanklich-experimentellen Vorwegnahme. Zukunftsforschung antwortet auf die Frage, wie man ohne Kenntnis der Sachen denken kann: ‚mit methodisch kontrollierten Fiktionen’. Anders formuliert: durch Gedankenexperimente mit Zeit. Diese Disziplin betreibt Erwartungsmanagement, in professionalisierter Form.

Diese Antwort ist kulturell heikel. Denn wo liegt der Unterschied zwischen einer ‚vernünftigen Fiktion’ und Visionen („wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“) oder Pippi-Langstrumpf-Denken („ich mache mir die Welt / wie sie mir gefällt“)? Unsere Wissenschaftstradition lehrt: Fiktionen sind nicht wissenschaftlich, Punkt. Um dieses Dekret zu rechtfertigen, wurde Sachlogik zur Basis jeder Wissenschaftlichkeit erklärt: Was wir dieser Ansicht nach bräuchten, seien Zahlen-Daten-Fakten; jedenfalls Belege und keine Imaginationen. Sachlogik sticht Zeitlogik, das sicherzustellen ist Job der Peers. Die aktuelle Debatte über „Postfaktizität“ belegt das wieder einmal eindrucksvoll.

Aber stimmt das noch? Entspricht diesem Weltbild unsere zeitgenössische Lebenswelt? Und viel wichtiger: Ist diese Haltung praktisch klug? Ist das mentale Durchkalkulieren eines höchst unwahrscheinlichen Ereignisses Zeitverschwendung, unwissenschaftlich oder dumm? Die Konvention behauptet genau das. „First things first“. Diese Art der Selbstimmunisierung gegenüber zeitlogischem Denken nennt man hierzulande Realismus; die Faktenzentrierung lässt grüßen.

Zugegeben: Die Analyse nicht existenter Ereignisse und Phänomene ist notwendig fiktiv, hypothetisch und gerade nicht faktenbasiert. Sie ist jedoch gleichzeitig die einzige Möglichkeit, Komplexität und Ungewissheit praktisch zu bewältigen, nämlich durch den Einsatz der menschlichen Vorstellungskraft. Nur so entstehen übrigens radikale Innovationen – kein anderer Weg führt dorthin. Und zudem sind solche Analysen logisch kontrollierbar und damit vernunftfähig: Denn es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen ‚unrealistisch’ und ‚über die Wirklichkeit hinausgehend’.

Letzteres praktiziert Zukunftsforschung. Sie greift gedanklich – auf wissenschaftlich überwachte Weise – in der Zeit vor. Sie sagt Zukunft gerade nicht voraus. Stattdessen zeigt sie, was ‚gute’ Vorgriffe, Antezipationen, sind und wie man sie entwickelt. Anders formuliert: Wie sich radikale „Newness“ bewerten lässt, trotz unserer totalen sachlichen Unkenntnis über sie. Wer das außergewöhnlich oder gar exzentrisch findet, hat Recht. Aber wer behauptet, derlei bräuchten wir nicht, läuft Gefahr, im Konkurrenzkamp der Globalisierung ausgesondert zu werden.

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth, KCT KompetenzCentrum für Technologie- & Innovationsmanagement

Der nächste Beitrag darüber, was das für das Innovationsmanagement bedeutet, erscheint am 6. April 2017. Bisher veröffentlicht ist Abenddämmerung der Prognostik.

Das Fachbuch Ökonomische Zukunftsforschung. Grundlagen – Konzepte – Perspektiven ist in der FOM-Edition im Springer Gabler Verlag erschienen. In dieser Reihe publizieren FOM Hochschullehrende sowohl wissenschaftliche Fachbücher und praxisorientierte Sachbücher zu aktuellen Brennpunktthemen als auch Lehrbücher, die durch ihre didaktische Aufbereitung eine ideale Ergänzung zu den Vorlesungen der Hochschule bieten.

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