Demografie interdisziplinär: Was uns das kostet - FOM forscht

Demografie interdisziplinär: Was uns das kostet

Foto: Thinkstock/iStock
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10.06.2016 – Kann ein Weniger (an Menschen in Deutschland) auch ein Mehr (an Möglichkeiten für den Einzelnen) bedeuten? Mit dieser Frage haben sich Vertreterinnen und Vertreter der FOM Institute und KompetenzCentren befasst. Herausgekommen sind 12 individuelle Kurzbeiträge, die vielfältige Impulse und Denkanstöße liefern. Heute nimmt Prof. Dr. Dr. Christian Thielscher vom KCG KompetenzCentrum für Management im Gesundheits- & Soczialwesen Stellung zur demografischen Entwicklung. Seine These: Viele Forschungsfragen sind auch medizinökonomischer Sicht noch nicht abschließend beantwortet.

Die steigende Lebenserwartung ist in gleich doppelter Hinsicht zu begrüßen: Erstens sind die gewonnenen Lebensjahre schon für sich erfreulich. Zweitens bedingt die demografische Entwicklung auch eine Zunahme medizinischer Leistungen, also ein Wachstum des Marktes. Andererseits verschärft diese Entwicklung den ohnehin schwer auf dem Gesundheitswesen lastenden Kostendruck. Aus dieser Spannung heraus resultiert eine Vielzahl von Forschungsfragen.

Zunächst kann man sich fragen, wie der demografische Wandel überhaupt aussehen wird. Angesichts der Bedeutung, die diesem Wandel beigemessen wird, ist es auf den ersten Blick überraschend, dass sein Ausmaß nur sehr ungenau bestimmt ist (Reiners, H. 2012, S. 369ff). Gerade langfristige Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung sind noch sehr unsicher, und zwar aus einer Reihe von Gründen:

  • Die Geburtenrate reagiert auf schwer vorherzusagende politische und soziale Effekte.
  • Der Zuwanderungssaldo lässt sich ebenfalls kaum präzise vorhersagen.
  • Bis heute ist die Zunahme der Lebenserwartung zwar statistisch sehr genau erfasst, aber medizinisch nicht wirklich verstanden.

Gerade der letzte Punkt verdient in der Diskussion mehr Beachtung. Es ist riskant, medizinökonomische Entwicklungen vorherzusagen, indem man lediglich statistische Trends fortschreibt. Besser wäre es, wenn man verstünde, wodurch diese Entwicklungen verursacht werden. Dazu gibt es bisher nur wenige Untersuchungen, auch deswegen, weil es sich dabei fast immer um fakultätsübergreifende Vorhaben handelt.

Die zweite Frage ist, wie sich der demografische Wandel auf die Kosten im Gesundheitswesen auswirken wird. In der Vergangenheit hat man bisweilen einfach die Durchschnittskosten pro Lebensjahr proportional zur angenommenen Veränderung der Bevölkerung hochgerechnet. Das führt allerdings zu einer erheblichen Überschätzung des demografischen Effektes, v. a. in der Krankenversicherung, und zwar deswegen, weil nicht das Alter per se die Kosten treibt, sondern die Behandlung im letzten Lebensjahr: „Sterben ist teuer“. Beispielsweise betrugen in einer Untersuchung des Heidelberger Institutes für Gerontologie die jährlichen Ausgaben für 60-65 jährige, die dieses Jahr überleben, rund 1.900 €, während die Patienten, die in diesem Jahr starben, Kosten von rund 45.000 € verursachten. Mit der Zunahme der Lebenserwartung wird aber nicht das Sterbejahr verlängert. Insgesamt reichen die Prognosen für zukünftig zu erwartende Beitragssätze zur Krankenversicherung von 16 Prozent bis 43 Prozent. Diese Spannweite ist zu groß, als dass man daraus präzise gesundheitspolitische Empfehlungen ableiten könnte.

Für die Pflegeversicherung ist die Situation eher noch komplizierter und wahrscheinlich auch bedrohlicher, weil mit dem Alter Krankheiten zunehmen, die aus Sicht der Krankenversicherung nicht viele Kosten verursachen, wohl aber aus Sicht der Pflegeversicherung (z. B. Demenz).

Wenn auch das Ausmaß der Kostensteigerung noch nicht bekannt ist, so kann man doch davon ausgehen, dass die bereits heute bestehende Unterfinanzierung (Thielscher, C. / Schüttpelz, T. / Schütte, M. 2012, S. 297-303) der medizinischen Versorgung eher zunehmen wird. Hinzu kommt, dass die Schere zwischen Entwicklung des Bruttosozialproduktes und GKV-Einnahmen immer weiter aufgeht, weil der Anteil des BSP, der zur Finanzierung der GKV herangezogen wird, schrumpft, z. B. aufgrund der sinkenden Lohnquote (Jacobs, K. 2012, S. 261ff).

Eine – wie auch immer sich auswirkende – demografische Veränderung der Gesellschaft wird andererseits das Angebot an medizinischer und pflegerischer Versorgung beeinflussen. Daraus resultieren vielfältige, auch betriebswirtschaftliche Fragestellungen, von denen einige beispielhaft aufgezählt seien.

Das Krankheitsspektrum wird sich ändern und damit der „Markt“ für medizinische Leistungen. Beispielsweise wird die Geburtenzahl wahrscheinlich abnehmen; manche Krankenhäuser werden ihre geburtshilflichen Abteilungen schließen. In anderen Bereichen dürfte der Bedarf zunehmen. Krankenhäuser müssen also versuchen, die Entwicklung des Behandlungsbedarfes in ihrer Region und das Verhalten der übrigen Krankenhäuser vorherzusagen.

Der demografische Wandel dürfte bei anhaltender Unterfinanzierung zu einer Verschärfung des Wettbewerbs führen. Medizinische Anbieter werden wahrscheinlich Instrumente zur Umsatzsteigerung einsetzen, die im Gesundheitswesen früher nicht üblich waren (Thielscher C. / Möllenbeck, M 2012; S. 246-250). Die zunehmende Bedeutung ökonomischer Fragestellungen führt tendenziell dazu, dass Fragen der Qualität nicht mehr ausschließlich von der medizinischen Profession behandelt werden.

Schließlich kann es sein, dass sich der Ausbildungsbedarf der in der Medizin tätigen Berufe verändert: Ärztinnen und Ärzte benötigen eine bessere ökonomische Ausbildung (Thielscher, C. 2013, 110(47): A-2258 / B-1986 / C-1923) für Pflegende wird eine Akademisierung ihres Berufes diskutiert (Gerst, T. / Hibbeler, B. 2012, 109(49): A-2458 / B-2012 / C-1968). Insgesamt müssen also aus medizinökonomischer Sicht eine ganze Reihe von Fragen zur demografischen Entwicklung dringend geklärt werden!

Prof. Dr. Dr. Christian Thielscher, KCG KompetenzCentrum für Management im Gesundheits- & Sozialwesen

 

Literatur

Gerst, T. / Hibbeler, B. (2012): Gesundheitsfachberufe: Auf dem Weg in die Akademisierung. Deutsches Ärzteblatt, 109(49): A-2458 / B-2012 / C-1968.

Jacobs, K. (2012): Finanzierung des deutschen Gesundheitswesens. In: Thielscher, C. (Hrsg.): Medizinökonomie, Bd. 1, Springer Gabler, Wiesbaden.

Reiners, H. (2012): Steuerung der medizinischen Versorgung und Ideologien: Zur politischen Ökonomie des Gesundheitswesens. In: Thielscher, C. (Hrsg.): Medizinökonomie, Bd. 1, Springer Gabler, Wiesbaden.

Thielscher, C. (2013): Gesundheitsversorgung: Medizin muss Kontrolle über sich selbst zurückgewinnen. Deutsches Ärzteblatt, 110(47): A-2258 / B-1986 / C-1923.

Thielscher C. / Möllenbeck, M. (2012): Krankenhausmarketing an Unikliniken – eine empirische Untersuchung. In: Gesundh ökon Qual manag 17(5).

Thielscher, C. / Schüttpelz, T. / Schütte, M.(2012): Quantifizierung der Rationierung. In: Gesundh ökon Qual manag 17(6).

 

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