Wirtschaft vordenken: Buzzwords der ökonomischen Zukunftsdebatte – Teil 3: Digitalisieren auf humane Art - FOM forscht

Wirtschaft vordenken: Buzzwords der ökonomischen Zukunftsdebatte – Teil 3: Digitalisieren auf humane Art

Corporate Foresight ist als Instrument der Zukunftsvorsorge seit Jahrzehnten etabliert, effizient und nützlich. In dieser Serie über ökonomische Zukunftsforschung nehmen wir aktuelle Entwicklungen ins Visier, unter anderem Bewertung und Einordnung der sogenannten „Moonshot-Methode“, „New Leadership“ in modernen Unternehmen, Digitalisierung auf humane Art und was mit künstlicher Intelligenz auf dem Spiel steht.

Digitalisieren auf humane Art – wie sieht der menschengerechte Arbeitsplatz 4.0 aus? 

Foto: FOM/Tim Stender

HR-Experten betonen gern, dass Menschen gerade wegen der Digitalisierung in Zukunft mehr denn je gebraucht würden. Tatsächlich jedoch droht der Einsatz von Maschinen, Menschen in immer mehr Bereichen zu ersetzen, auch in kreativen und komplexen. Stimmt also das Mantra, dass wir Menschen uns bloß auf das konzentrieren sollten, was nur wir können – dann würde es auch mit einer sozialverträglichen Digitalisierung klappen?

Aus zukunftsforscherischer Perspektive lautet die Antwort: nein. Derzeit wird mit der Argumentationslinie Maschinen sind noch längst nicht so weit wie Menschen ein für die meisten undurchschaubares Täuschungsmanöver inszeniert. Zwar ist die Aussage sachlogisch korrekt, nur kann kaum ein Nicht-IT-Experte beurteilen, wie das zu verstehen ist und was es in einem konkreten Unternehmen praktisch bedeutet.

„Posthumane“ Visionen gibt es im Silicon Valley inzwischen an jeder Straßenecke: Man will 150 Jahre alt werden, den Krebs besiegen, auf den Mars fliegen… So etwas nennt man Moonshots, sprich: Langzeitprojekte von schier irrwitziger Dimension. Und nicht selten weisen diese Projekte in eine Zukunft, in der Mensch und Technik zu posthumanem Leben verschmelzen. Europäische Führungskräfte, Personalmanagerinnen und -manager nehmen Derartiges oft nicht ernst und bezeichnen Menschen mit solchen Aspirationen als abgedrehte „Nerds“. Überhaupt: Bei aller Technisierung werde es, so das Credo der HR-Experten, auch in Zukunft noch Arbeitsbereiche geben, in denen menschliche Kreativität zähle und komplexe Aufgaben nur von Menschen, und nicht von Maschinen übernommen werden können.

Das Weltbild aus Kalifornien

Dabei schreiben Maschinen längst Texte, komponieren Musik und rekombinieren Produktelemente zu Innovationslösungen. „Kreativ, komplex und Kontext“ – das alles können Maschinen längst, wenn auch bislang noch nicht ganz so gut wie wir (was aber lediglich eine Frage der Zeit sein dürfte). Der Unterschied zwischen uns und den US-Amerikanerinnen und -Amerikanern: Das Mindset, vor dessen Hintergrund die digitale Umsetzung im „Homeland“ Kalifornien passiert, ist durch und durch kybernetisch. Das heißt: Diesem Mindset liegt ein extrem regelungstechnisches Welt- und Menschenbild zugrunde, hinter dem die Überzeugung steht, dass man alles funktionalisieren, kausalisieren und berechnen kann – und auch sollte. Die Erfinder der digitalen Technologien misstrauen jeder Form von Subjektivität, weil diese ihnen als willkürlich gilt und ihrem Objektivitäts- und Gleichheitsideal widerspricht. Ihnen geht es um Präzision. Die Relevanz, also die Bedeutung eines Vorgangs, eines Prozesses oder Ergebnisses für das Subjekt, den Menschen, spielt im Kontext der Digitalisierung „made in USA“ keine Rolle.

Unser eigenes Weltbild

Europäer hingegen können sich Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ohne Anerkennung der subjektiven Belange des Einzelnen nicht vorstellen (wir haben das „aufgeklärte Subjekt“ einst erfunden). Ein Grund dafür, dass hierzulande erst an zweiter Stelle das Was und Wie des Wandels interessiert. Stattdessen ist erst einmal das Warum von Interesse. Wir fragen nach Sinn, Bedeutung und Konsequenzen für die Einzelne und den Einzelnen, nach Relevanz statt Präzision – sowohl für die Unternehmen als auch die Mitarbeitenden. Und wir ahnen, dass Messbarkeit und Steuerbarkeit ihre Grenzen haben. In Albert Einsteins Worten: „Nicht alles, was zählt, kann man zählen und nicht alles, was man zählen kann, zählt“. Diese Einsicht bestätigt, festigt und stärkt die Grundintuitionen des modernen europäischen Menschenbildes. Trotzdem wird sie immer wieder ignoriert: von der IT-Industrie, den Verbänden und der Politik, inzwischen aber sogar von der Personalentwicklung – den unternehmensinternen Wächtern des Humanen, indem sie versuchen, das Problem durch übersichtliche Ordnungsstrukturen wegzudefinieren („Quantifizierendes an die Maschinen, Kreatives an die Menschen“). Bloß entspricht das nicht der Komplexität der Sachlage.

Viele scheinen sich hierzulande nicht bewusst zu sein, dass die inzwischen etablierte Phrase vom „digitalen Wandel“ vollständig US-amerikanisch konnotiert ist – ein „Clash of Mindsets“. Solange der jedoch nicht klar ist, werden HR-Manager die zentrale Frage nicht stellen: Wie entwickelt man Personal unter kybernetischen Bedingungen und in unserem Werterahmen – und was von den neuen technologischen Möglichkeiten ist für uns überhaupt akzeptabel, opportun oder gar geboten? Die Diskussion darüber steht in Deutschland bislang aus. Derzeit wird schlicht Druck gemacht: Digitalisiert euch! Disruptiert mit! Aus zukunftsforscherischer Sicht hingegen gilt vielmehr: Disrupt the disruptors! Eine Digitalisierung, eine technologie-affine Gestaltung der Arbeitswelt 4.0 durch HR-Manager, die das Attribut ‚human’ verdient hat, wird aus Europa kommen, nicht aus Kalifornien. Die Personalentwicklung könnte und sollte bei der Entwicklung mit vorne stehen.

Der nächste Beitrag dieser Serie über den Hype um New Work erscheint in zwei Wochen. Bisher nachlesbar sind die Beiträge über Moonshots als Innovationsmethode sowie New Leadership in digitalen Firmen

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth | KCT KompetenzCentrum für Technologie- & Innovationsmanagement | Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insb. Strategisches Marketing & Innovationsmanagement am FOM Hochschulzentrum Köln | 11.07.2019 

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