#BWLBashing – Unser Fach in der Krise? - FOM forscht

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#BWLBashing – Unser Fach in der Krise?

(Foto: darkbird/Fotolia)
(Foto: darkbird/Fotolia)

15.11.2016 – Seit Jahren tobt eine Debatte über den Zustand des Studienfaches BWL. Einer der Startpunkte war der (lesenswerte) Aufschrei über die Unzeitgemäßheit der Sozialwissenschaften vom Yale-Physiker Nicholas Christakis. Seitdem gab’s diverse Kommentar-Reihen in den Medien und viel Schattenboxen von akademischer Seite. Aktuell kursiert der Kalauer von der „Betriebswirtschaftsleere“. Was ist dran am Dauer-Lamento über das angebliche Sammelbecken geld- und sicherheitsfixierter Karrieristen, über unfähige Prognostik, veraltete Inhalte und Pauk-Drill? Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth vom KCT KompetenzCentrum für Technologie- & Innovationsmanagement der FOM Hochschule beobachtet die Debatte in drei Beiträgen aus zukunftsforscherischer und milieugeschulter Perspektive.

Teil 2: BWL als Pauk-Fach für veraltetes Wissen?

Ist ein BWL-Studium heute nur noch eine Ochsentour in extensivem Auswendiglernen unzusammenhängender Wissens-Schnipsel? Dass das Themen-Portfolio der Wirtschaftswissenschaften nicht mehr zeitgemäß sei, ist Gegenstand jahrzehntealter Debatten, nicht zuletzt seit der Finanzmarkt- und Bankenkrise 2008. Ein Hinweis, der allerdings zunächst nicht gegen den Kanon des Faches spricht: Denn Inhalte wie Buchhaltung, Planung, Kostenrechnung, Preisbildung, Absatz, Vertriebs- und Personal-Know-how bilden auch künftig die einschlägige Basis für Unternehmertum. Woraus sich eine veränderte Fragestellung ergibt: Anstatt das Fach als solches an den Pranger zu stellen, lieber das Problem zu sondieren.

  1. Mit welchen Aspekten müsste der Kanon ergänzt werden: Was genau heißt „alt“?; und
  2. Wie müssten sich damit auch Lehr- und Lernformate ändern: Was sind potenzielle Nachfolger der traditionellen Wissensvermittlung?

Die beiden Fragen sind zweifellos triftig, berühren aber die anderen Sozialwissenschaften gleichermaßen. Das macht es zwar auch nicht besser, lässt aber die Dimension des Wandels erkennen, der hier – einseitig über die BWL – verhandelt wird. (Beispiele: Wer kennt Vorschläge von Philosophen, wie man praktikabel Komplexität bearbeiten kann? Wie funktioniert das, angewandte Komplexitätsbewältigung? Vorschläge der Politologen angesichts eines rechtspopulistisch auseinanderfallenden Europas zu einem zeitgemäßen Rechts-Links-Schema? Vorschläge von Soziologen, den „Kitt“ westlicher Gesellschaften, die immer netzwerkartiger, ‚lateraler’ und ‚intransitiver’ werden, zeitgemäß neu zu beschreiben – und vor allem zu erklären? …)

Solche Fehlanzeigen sind heute ein Charakteristikum der Sozial- und Geisteswissenschaften und führen inzwischen zu akuten Bedrohungen („wo ist der Nutzen?“ / abnehmende Förderquoten). Was genau der Grund ist für diesen Empfindsamkeitsverlust gegenüber gesellschaftlichen Stimmungen und Bedürfnissen, bleibt vorerst ein Rätsel: Ein funktionierendes Sensorium für Zukunft jedenfalls geht fast allen diesen Fächern ab. Auch der BWL fehlen angemessene Bewertungskriterien für Themenrelevanz und Prioritäten – und zwar sowohl semantisch als auch methodisch. Semantisch: Grundlegendes zu Bitcoins, Blockchain-Ökonomie oder zu immer ‚disruptiver’ werdenden Innovationen (jenseits der Beiträge zumeist US-amerikanischer Business School-Päpste, die solche Themen setzen und als Berater von ihnen profitieren) ist Mangelware. Und methodisch: Dass Rechenoperationen und Detailwissen besser durch Maschinen verwaltet und angewandt werden, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Für optimierte Lern-Assimilation ist also technologisch ohnehin gesorgt; dieser Lernmodus könnte im Studium getrost reduziert beziehungsweise wirtschaftsinformatisch ersetzt werden. Und wie steht es mit der Akkomodation an veränderte Umfelder? Mit der Fähigkeit einer achtsam justierenden, iterativen Anpassung an Neues; mit situativer Urteilskompetenz? Hier gibt es zweifellos Nachholbedarf – bloß:

  • Wie man eine Corporate Identity durch einen Geschäftsmodell-Wechsel erfolgreich „changed“;
  • wie man interkulturell nicht nur effektiv und effizient, sondern auch unternehmerisch-innovativ und sozial-harmonisch zusammenarbeitet;
  • oder wie man gesellschaftlich zu uns passende Disruptionen generiert, die unseren Werten entsprechen,

können auch die wortgewaltigen Kritiker des Faches nicht beantworten.

Dabei sind wir mit Neuro-Marketing, Verhaltensökonomik oder Big Data-Analysen gar nicht so schlecht aufgestellt – dass die BWL Trends verschläft, lässt sich wahrlich nicht behaupten. Die Frage lautet deshalb nicht, ob die Inhalte der BWL und ihre Lehrformate aktualisierungswürdig sind (selbstverständlich sind sie das, wie diejenigen sämtlicher Sozialwissenschaften), sondern, ob sie es disziplinär schafft, angemessenes, zeitgemäßes Bewertungswissen zu generieren. Ob sie willens und in der Lage ist, auf globalen, unübersichtlicher werdenden, komplexen Märkten Orientierung zu geben, Entwicklungen einzuordnen, Präferenzen zu begründen und damit praktisch dem deutschen (europäischen) Wirtschaftsstandort dabei zu helfen, nicht auf unabsehbare Zeit zum Follower woanders erfundener Umstürze zu werden. Dazu in Teil 3 mehr.

Prof. Dr. Friederike Müller-Friemauth, KCT KompetenzCentrum für Technologie- & Innovationsmanagement

Teil 3: Let’s shake up the economic sciences! ist ab 22.11.2016 zu lesen. Bereits erschienen ist der Beitrag BWL als Sammelbecken geldgieriger Karriereristen?

kct-box

Das Sachbuch Silicon Valley als unternehmerische Inspiration ist in der FOM-Edition  bei Springer Gabler erschienen.

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