Wirtschaft im Stau: Was Unternehmen jetzt wieder mehr Freiheit verschaffen und den Standort Deutschland stärken würde
Unternehmen in Deutschland arbeiten in einem System der Sozialen Marktwirtschaft. Dieses soll Wohlstand für möglichst viele schaffen. Es verbindet eine leistungsfähige, weitgehend freie Wirtschaft – in der Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen – mit einem Staat, der für fairen Wettbewerb sorgt und Menschen schützt, die Unterstützung brauchen, ohne jedoch zu stark einzugreifen.
Herr Professor Altmiks, die Bundeswirtschaftsministerin hat angekündigt, die Soziale Marktwirtschaft zu reformieren, um die deutsche Wirtschaft wieder zu stärken. Warum sind solche Reformen aus Ihrer Sicht dringend notwendig?
Prof. Dr. Peter Altmiks: Viele Probleme haben sich schon lange vor der Pandemie abgezeichnet: stagnierende Produktivität, steigende Lohnstückkosten und eine gesunkene Industrieproduktion. Zugleich wächst die staatliche Detailsteuerung – immer mehr Berichtspflichten, Vorgaben und Regulierungen. Das engt Unternehmen ein und belastet sie bürokratisch.
Besonders sichtbar wird das in der Energiepolitik. In der ersten Novemberwoche hatten wir eine Dunkelflaute mit sehr wenig Wind und geringer Sonneneinstrahlung. Die Stromversorgung musste größtenteils durch konventionelle, grundlastfähige Kraftwerke wie Kohle- und Gaskraftwerke sowie durch Stromimporte aus dem europäischen Ausland sichergestellt werden. Das zeigt, wie inkonsistent die deutsche Energiewende ist.
Insgesamt hat die deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik zu hohe Schulden, nicht demografiefeste soziale Systeme und zu viel Mikromanagement geführt. Deshalb braucht es eine Rückbesinnung auf die Grundideen der Soziale Marktwirtschaft.
Welche sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Stellschrauben, an denen jetzt gedreht werden sollte?
Prof. Dr. Peter Altmiks: Erstens sollte der Staat wieder stärker auf verlässliche Rahmenbedingungen setzen, statt wirtschaftliche Prozesse selbst steuern zu wollen. Viele aktuelle Regulierungen – etwa die EU-Taxonomie, also der Nachweis nachhaltiger Aktivitäten, die EU-Richtlinie zur Unternehmens-Nachhaltigkeitsberichterstattung CSRD oder die Lieferkettengesetzgebung – sind gut gemeint, aber mit enormem Aufwand verbunden und binden Fachkräfte, die wirtschaftlich produktiver eingesetzt werden könnten.
Zweitens muss die Arbeitsmarktregulierung zu Zeiten von Arbeitskräftemangel neu gedacht werden. Wettbewerb um Arbeitskräfte schützt vor Ausbeutung, ganz ohne zusätzliche Interventionen. Dennoch erleben wir Interventionsspiralen: Mindestlohn – strengere Arbeitszeiterfassung – Dokumentationspflichten für Unternehmen, die ohnehin deutlich über Mindestlohn zahlen. Das ist schlicht ineffizient.
Und drittens muss die Energie- und Industriepolitik technologieoffener werden. Wir wissen nicht, welche Technologien in Zukunft entscheidend sein werden, daher sollte die Politik nicht einzelne Optionen ausschließen.
Würde ein solcher Reformkurs für Unternehmen mehr oder weniger Freiheit bedeuten?
Prof. Dr. Peter Altmiks: Ganz eindeutig: mehr Freiheit. Und die brauchen die Unternehmen dringend. Unsere internationale Konkurrenz schaut teilweise mit Verwunderung – und ja, auch mit einem gewissen amüsierten Kopfschütteln – auf die Detailverliebtheit unserer Regulierungen. Wenn wir wieder stärker mit den Marktkräften arbeiten statt gegen sie, steigt die Attraktivität des Standorts Deutschland. Politikunsicherheit sinkt, langfristige Geschäftsmodelle werden wieder planbar und der Wirtschaftsstandort gewinnt an Dynamik.
Vielen Dank für Ihre Einschätzung!
Mehr dazu können Sie im Sammelband „Soziale Marktwirtschaft und Freiheit. Analyse – Herausforderungen – Reformvorschläge“ nachlesen, den Prof. Dr. Peter Altmiks bei Springer Gabler in der FOM-Editionherausgegeben hat. Professor Altmiks lehrt Volkswirtschaftslehre an der FOM Hochschule in Hannover und forscht am KCV KompetenzCentrum für angewandte Volkswirtschaftslehre. Die Beiträge im Sammelband stammen von Forschenden der FOM Hochschule sowie anderer Hochschulen und Institutionen.
Das Interview führte Yasmin Lindner-Dehghan Manchadi M.A. | Referentin für Forschungskommunikation der FOM Hochschule | 02.12.2025
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