Gesund und leistungsstark: Wirtschaftlicher Erfolg braucht Resilienz als Widerstandskraft - FOM forscht

Gesund und leistungsstark: Wirtschaftlicher Erfolg braucht Resilienz als Widerstandskraft

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07.04.2017 – Nur wer keine Zeit oder auch kein Verständnis dafür hat, übersieht die Alarmzeichen an deutschen Arbeitsplätzen: Der Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA, 2012) zeigt, dass über die Hälfte der angestellten Arbeitskräfte hohen Zeitdruck, 40 Prozent häufige Unterbrechungen und ebenso viele eine deutliche Belastungszunahme beklagen. Auch die aktuelle Stressstudie der Techniker Krankenkasse (TK, 2016) fordert: “Entspann dich, Deutschland.” Obwohl die wöchentliche Arbeitszeit sinkt, steigen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Beschwerden wie Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen – in den vergangenen 15 Jahren um fast 90 Prozent, so der Bericht. Fast schon provokativ klingt da die Antwort der Politik, physische und psychische Gefährdungen durch Arbeit an ihrer Quelle zu bekämpfen. Das 2015 endlich verabschiedete Präventionsgesetz soll die Zusammenarbeit der Sozialversicherungsträger, Länder und Kommunen in Prävention und Gesundheitsförderung stärken “für alle Altersgruppen und in vielen Lebensbereichen” laut Bundesministerium für Gesundheit. Was daraus konkret wird, nicht zuletzt auch in Unternehmenshinsicht, bleibt abzuwarten.

Wirtschaftpsychologische Aufgabe

Wirtschaftspsychologen und -psychologinnen an der Front des Arbeitsschutzes stehen schon jetzt vor der großen Herausforderung, längst bekannte Antworten aus der Stressforschung adäquat in Betrieben zu implementieren. Blickt man auf die jährlich steigenden Krankheitszahlen, drängt die Zeit. Adäquat heißt vor allem ressourcennah. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO reicht es längst nicht, Wohlbefinden und damit auch Leistungserhalt durch Reduzieren von Risikofaktoren wiederherzustellen und zu erhalten. Gesundheit ist nicht allein die Abwesenheit von Krankheit, sondern „völliges“ körperliches wie seelisches Wohlbefinden, das zudem proaktiv beeinflusst werden kann und sollte. Hier setzen die Erkenntnisse der Resilienzforschung an (vgl. Mourlane, 2015), die sich mit widerstandsstärkenden Faktoren beschäftigen und zukunftsträchtige Antworten liefern kann gegen krankheitsbedingte Ausfälle mit deren individuellen, aber auch ökonomischen Schäden. Unternehmen, die für Gesundheitsprävention ihrer Arbeitskräfte keine finanziellen Mittel übrig haben, verkennen neben dem humanen Wert auch die finanziellen Spätfolgen.

Burnout-Vorbeugung

Dabei ist das gefürchtete Burnout nur die Speerspitze, lässt man die „normalen“ Stressphänomene einer durchorganisierten Multitasking-Gesellschaft außer Acht. Vorübergehende Belastungen durch Zeitnot, Hektik und „ins Schwitzen kommen“ sind nicht das Problem und sollten auch nicht Burnout genannt werden. Wer als Führungskraft stolz sagt, in der eigenen Abteilung fallen doch kaum Mitarbeitende aus, sollte sich mit dem „Präsentismus“ auseinandersetzen, denn neben manifesten Krankheitsausfällen sind es die physisch, aber nicht suffizient Anwesenden, die Leistungsausfälle bewirken. Richtige Burnout-Prävention setzt daher auf verschiedenen Ebenen und rechtzeitig an: Neben strukturellen Unternehmensfaktoren (Arbeits- und Führungsklima, Angemessenheit von Aufgaben und anderes) steht psychologisch betrachtet das Individuum mit Potenzialen aber auch Grenzen im Fokus – Prävention muss differenzieren können. Einen zentralen Stellenwert nimmt dabei flexibles Zeit- und Selbstmanagement ein, denn Zeitdruck (wenn also der nötige Zeitrahmen einer Arbeit regelhaft zu eng bzw. unklar gefasst ist) ist ein bedeutsamer Stressor. Souveräner Umgang mit der eigenen Leistungszeit beginnt beim Realitätssinn (vgl. Bergner, 2015) gegen Perfektionismus, geht weiter über Slot- statt Terminplanung (Pufferzeiten) und mündet schließlich in Selbstfürsorge: Zeitfresser zu bannen, so Bergner, ist die „wirkungs- und respektvollste Möglichkeit, mit der eigenen Zeit und der anderer umzugehen“.

Studie zu Selbstmanagement

Eine Online-Studie (Pscherer, 2016) über gesundheitsorientiertes Selbstmanagement von Führungskräften bekräftigt dessen Relevanz: Selbstmanagement als Regulierungskompetenz eigenen Erlebens und Verhaltens und eigenes Erfolgserleben stehen in einem engen Zusammenhang, insbesondere bei den Verhaltenskompetenzen Problemlösung und Stress-Coping. Je besser diese Selbstwirksamkeit gelingt, desto erfolgreicher erlebt sich die Führungskraft, gerade wenn sie Mitarbeitende inspirierend motivieren kann. Hinsichtlich Resilienz und Erfolgserleben kommt es auf die richtige, sprich flexible Mischung aus Bestimmtheit und Gelassenheit an. Für die Einschätzung des allgemeinen Unternehmenserfolgs jedoch spielt die persönliche Widerstandskraft eine eher geringe Rolle. Die befragten Führungskräfte erachten Gesundheit zwar als Wert an sich, den sie allerdings zu wenig selbst umsetzen. Resilientes Selbstmanagement hat viel mit Gewissenhaftigkeit, emotionaler Stabilität und Selbstvertrauen zu tun. Diese Merkmale sind eher trainierbare Kompetenzen der Selbstregulierung als feste Eigenschaften der Persönlichkeit. Oft verwechselt mit Optimierung: schneller, höher, besser. Selbstmanagement bedeutet, immer wieder mal “zu bremsen”, auch kritische Stimmen zu würdigen und mit eigener und der Zeit Anderer sorgsam umzugehen. Letztlich eine Einstellungsfrage mit Vorbildwirkung, nämlich eine selbstwirksame Überzeugung, Gesundheit und Leistung nachhaltig steuern zu können.

Achtsamkeit im Berufsalltag

Kein Business-Coaching oder Führungskräftetraining kommt mehr ohne Achtsamkeitshilfen aus, wenn es um Stressminderung geht: Achtsam mit Arbeit umgehen bedeutet, einen leistungs- wie lebensbejahenden Rhythmus zu finden als Balance zwischen Anforderung und Entspannung. Nötig ist ein Suffizienzradar des Gelingens statt Effizienzradar des Müssens. Dies impliziert Erholung gerade auch am Arbeitsplatz, nur so kann die missverständliche Dualität des Begriffes Work-Life-Balance vermieden werden. Leben findet im Privaten wie auch im Beruf statt. Etwa bei der Frage nach der richtigen Gestaltung von Arbeitspausen und Ruheinseln, sprich „organisierter“ Erholung als wirksames Instrument beruflichen Zeitmanagements. Die Effekte guter Pausensysteme sind beeindruckend (vgl. Wendsche, 2015), sowohl kurz- wie langfristig (höhere Arbeitsmotivation, geringere Ermüdbarkeit und weniger Fluktuationsraten). Ein vom BAuA entwickeltes Pausencheckverfahren dient hierbei als branchenübergreifende Basisanalyse für spezifische Tätigkeitsgruppen mittels Beobachtungsinterviews. Ein Instrument, das helfen könnte, dass es künftig weniger sind als jeder Vierte, der seine gesetzlich vorgeschriebenen Pausen ausfallen lässt.

Schlüsselfaktor Resilienz

Verordnete verhältnispräventive Ansätze allein reichen natürlich nicht aus, um ein praktisch wirksames Umdenken im Sinne der Verhaltensprävention zu ermöglichen. Mourlane nennt seinen Resilienz-Ratgeber im Untertitel „Die unentdeckte Fähigkeit der wirklich Erfolgreichen“. Die Kunst liegt vereinfacht gesagt im Maßhalten: Resilientes Selbstmanagement ist eine Metakompetenz, ein Cluster aus Eigenschaften, Einstellungen und Verhaltensmustern, geprägt von (sozialer) Offenheit, Gewissenhaftigkeit und eben der Fähigkeit Balance zu halten. Dies gelingt nur, wenn man Druck von außen und mussturbatorischen Gedanken von innen standhält. Resilienz ist keine Resistenz, sondern umsichtiges Commitment. Früher verschrien als weicher oder gar Luxus-Faktor ist Resilienz einer der wichtigsten Motivatoren und Gesundheitsfaktoren zugleich. Man könnte es auch so sagen: Gesundheitsbewusste Zeit für Leistung liegt künftig darin, Herausforderungen gelassen anzunehmen. Eigentliche eine “Zumutung”, aber im besten Sinne: Sich und Mitarbeitenden Eigenverantwortung zumuten für resiliente Leistungsfähigkeit. Ein Motto, das von den befragten Führungskräften des Online-Assessments bestätigt wurde: „Nicht alles ist möglich, aber immer ist etwas möglich.“

Prof. Dr. phil. Dipl.-Psych. Jörg Pscherer, Professor für Wirtschaftpsychologie und Gesundheitsmanagement an der FOM Hochschule in Nürnberg sowie Wissenschaftler am iap Institut für Arbeit & Personal

 

Quellen:

  • Bergner, T.M.H. (2015, 3. Aufl.). Burnout-Prävention. Sich selbst helfen – das 12-Stufen-Programm. Stuttgart: Schattauer.
  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2012). Stressreport Deutschland 2012. Abgerufen am 29.3.2017 von http://www.baua.de/de/Publikationen/Fachbeitraege/Gd68.html.
  • Mourlane, D. (2015, 6. Aufl.). Resilienz. Die unentdeckte Fähigkeit der wirklich Erfolgreichen. Göttingen: BusinessVillage.
  • Pscherer, J. (2016). Resilientes Selbstmanagement – eine Führungsaufgabe der Zukunft. Organisationsberatung, Supervision, Coaching, 4, 391-409.
  • Techniker Krankenkasse (2016). TK-Stressstudie 2016: Entspann dich, Deutschland. Abgerufen am 29.3.2017 von http://www.tk.de/tk/themen/gesundheit/stressstudie/916646
  • Wendsche, J. (2015). Optimale Erholung während der Arbeit: Wie man Pausensysteme bewerten kann. Wirtschaftspsychologie Aktuell, 1, 9-12.

 

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