Resilienz lässt sich trainieren - FOM forscht

Resilienz lässt sich trainieren

Foto: clarusvisus - Fotolia
Foto: clarusvisus – Fotolia

06.07.2016 – Jedes Jahr leiden schätzungsweise 120 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürger unter stressbedingten Störungen. Das sind etwa 30 Prozent der Bevölkerung. Auslöser sind u.a. die hohe Dynamik und die wachsende Komplexität unseres (Arbeits)Lebens. Im Kampf gegen diese psychischen Belastungen führen einschlägige Beraterinnen und Berater vor allem eine Wunderwaffe ins Feld: die Resilienz. Sie besteht, „wenn Individuen trotz großer mentaler oder körperlicher Belastungen nicht oder nur vorübergehend erkranken.“ So die Definition des Deutschen Resilienz-Zentrums in Mainz. Leider ist Resilienz keine Eigenschaft, mit der man geboren wird. Sie ist vielmehr eine innere Einstellung oder Haltung – und die lässt sich erfreulicherweise trainieren und durch den Arbeitgeber fördern.

Die Mainzer Forscher vergleichen Resilienz mit einem Immunsystem. Wer noch nie einem Infekt ausgesetzt war, ist besonders anfällig. Auf die Resilienz übertragen bedeutet das: Menschen, die gut mit den Herausforderungen des Arbeitslebens 4.0 umgehen, haben in der Vergangenheit bereits ähnliche Situationen gemeistert und erkannt, welche Faktoren sie dabei unterstützen. Das Wichtigste sind die eigenen Ressourcen. Wir Menschen sind nun mal biologische Wesen. Wir brauchen Schlaf, Essen und soziale Kontakte. Oder – anders ausgedrückt – wer über eine gute Work-Life-Kohärenz verfügt, hat einen wichtigen Schritt Richtung Resilienz gemacht. An die Stelle des Hamsterrades mit seinen Terminen und Deadlines müssen Ruhe, Muße und Zeit für ehrlichen sozialen Austausch treten. Hierfür kann es erforderlich sein, auch mal nein sagen zu können, wenn die Chefin mit einem neuen Projekt auf den Plan tritt oder der Kollege Unterstützung bei einer eiligen Aufgabe braucht.

Und das ist ein Punkt, bei dem Führungskräfte eine entscheidende Rolle spielen können: Zum einen sollten sie diese Form des ausgeglichenen Arbeitens vorleben. Wenn ich sehe, dass mein Chef nicht 24/7 erreichbar ist, erwarte ich das auch nicht von mir selbst. Zum anderen ist ihre soziale Kompetenz, ihre Achtsamkeit gefordert. Eine Führungskraft sollte genau hingucken zuhören: Wie geht es meinen Leuten? Ich sollte ihnen aktiv zuhören – ohne zu interpretieren – und mich mit ihrer persönlichen Situation auseinandersetzen, um individuelle Lösungen zu finden, wenn sich stressbedingte Probleme abzeichnen. Es reicht nicht aus, überlastete Mitarbeitende für zwei Tage nach Hause zu schicken, damit sie ihre Akkus aufladen.

Diese Art von Führung wiederum kann nur funktionieren, wenn die Organisation die entsprechenden Rahmenbedingungen vorgibt: Wird das Ganze „von oben“ toleriert, gewünscht und gefördert? Gibt es klare Regelungen zu Arbeitszeiten und Erreichbarkeit? Besteht die Möglichkeit, maßgeschneiderte Resilienzkonzepte auf- und umzusetzen? Wenn dann all diese Faktoren – individuelle Achtsamkeit, empathische Führung und klare Rahmenbedingungen – zusammenwirken, ist das die perfekte Basis sowohl für gesundes Arbeiten als auch für ein erfolgreiches Miteinander im Betrieb. Denn natürlich profitiert die Organisation von resilienten Mitarbeitenden, die die Herausforderungen der Arbeit 4.0 meistern statt erschöpft im Bürostuhl zusammensinken.

Prof. Dr. Ulrike Hellert, Direktorin des iap Institut für Arbeit & Personal

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

zwanzig − achtzehn =