Logistikwissen 2.0: Vom „Know-how“ zum „Know-when“ - FOM forscht

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Logistikwissen 2.0: Vom „Know-how“ zum „Know-when“

Foto: Stephan Glagla

24.03.2016 – Die Logistikbranche befindet sich im Umbruch. Durch die Integration der individualisierten Informationstechnik – sowohl auf Seiten der physischen Objekte („Smart Sensors“, „Physical Internet“) als auch auf Seiten der menschlichen Nutzer (Social Media, Cyber-Physical Systems) – entwickelt sich die technologische Grundlage von Transport- und Supply Chain-Prozessen sehr schnell in Richtung einer neuen, automatisierten und gleichzeitig individualisierten Wirtschaftswelt. Das hat Auswirkungen auf die grundlegenden Anforderungen an Mitarbeitende sowie deren Qualifikationen: Der Trend geht weg vom Fachwissen („Know-how“) hin zu einem Kontext- und Bewertungswissen („Know-when“).

Ein Beispiel: Wenn ein Großteil der Produktions- und Transportprozesse automatisiert abläuft wie bei selbstfahrenden LKW, dann werden menschliche Qualifikationen und Kompetenzen sich dahin verlagern, Überwachungs- und Eingriffskompetenz und damit „Kontextkompetenz“ bereitzustellen. Es ist weniger die Fähigkeit gefordert, konkrete Fahrtätigkeiten (Gangwahl, Geschwindigkeit, Navigation) auszuführen, sondern vielmehr komplexe Situationseinschätzungen vorzunehmen wie etwa, wann der automatische Fahrmodus zu beenden ist. Beispielsweise bei Gefährdungen durch die Wetterlage, spielende Kinder auf der Fahrstrecke oder absehbare Verkehrseingriffe durch die Polizei. Oder auch wann die Prioritäten der automatisierten Entscheidungsabläufe des Fahrzeuges zu ändern sind: So kann beispielsweise in dringenden Liefersituationen die Priorität „Spritsparen“ in Richtung der Priorität „Fahrtzeitminimierung“ geändert werden. Die Frage in derartigen Situationen – die ohne Kontextwissen und normative menschliche Einschätzungen nicht zu beantworten sein wird – ist, wann konkret eingegriffen werden soll („Know-when“).

Diese Tendenzen sind auch in anderen Bereich der Logistik zu erkennen. Bei der Touren- und Routenplanung übernehmen zunehmend automatisierte Artificial Intelligence(AI)-Anwendungen die Arbeit. Damit wird ebenfalls eine bisherige „Know-how“-Kompetenz (eine Routenplanung für ein Fahrzeug anhand der Adressdaten und weiterer Kriterien wie Reichweite, Sendungstermine etc. zu erstellen) durch eine „Know-when“-Kompetenzanforderung ersetzt. Die Mitarbeitenden müssen einschätzen können, wann genau eine spezifische Fahrzeug-Tour als vorgesehene Route der automatisierten Anwendung manuell als Eingriff abzuändern ist. Zum Beispiel, weil besondere Anforderungen (Kunde verlangt besonderes Equipment oder spezifisches Fahrpersonal etc.) auftreten. Dabei sind eine Reihe von logistischen (Laufzeit etc.), kaufmännischen (Zusatzkosten, Grenzertrag etc.) und auch sozialen Kriterien (Arbeits- und Lenkzeiten, Arbeitsbedingungen) zu berücksichtigen, was tendenziell höhere Qualifikations- und Kompetenzanforderungen an die Entscheidungsperson stellt als das bisherige operative „Umsetzungs-Know-how“.

Für Qualifikations- und Trainingsmaßnahmen in der Logistik haben diese Tendenzen zwei bedeutende Konsequenzen: Auf der einen Seite müssen im Rahmen der Grund- und Erstausbildung umfangreichere Kontext- und Bewertungskompetenzen erworben werden. Dies bedeutet, dass sowohl in der gewerblichen und kaufmännischen Berufsausbildung als auch in der akademischen Ausbildung (BA/MA) für die logistikaffinen Bereiche der Kaufleute, Ingenieure und Informatiker ein umfangreicheres Kontextwissen zu den Bedingungen und Prioritäten von Logistikprozessen und globalen Wertschöpfungsketten zu vermitteln ist. Dies erfordert weiterhin eine Einübung normativer Rahmensetzungen (kaufmännisch, technisch, sozial, gesellschaftlich, einzelbetrieblich) und eine Kompetenzvermittlung in Bezug auf Entscheidungstheorien und Entscheidungsprozesse inklusive der möglichen individuellen Verzerrungseffekte (Framing etc.).

Auf der anderen Seite ist eine umfangreichere und häufigere Weiterqualifikation während des Berufslebens erforderlich, und zwar in zwei Ausprägungsdimensionen: Erstens muss das technische und prozessuale Verständnis der weiterreichenden automatisierten Prozesse in der Logistik immer wieder aufgefrischt und vertieft werden. Zweitens muss die normative Bewertungskompetenz in Bezug auf Eingriffsentscheidungen in Richtung automatisierter Systeme (oder auch in den ersten Stufen eine Akzeptanz der automatisierten Systeme selbst) aktualisiert und erweitert werden. Dies umfasst beispielsweise den Kompetenzbereich bzw. die Frage welche Bewertungsbereiche sinnhaft und zielführend auszuwählen sind, allein kaufmännische und wirtschaftliche Entscheidungskriterien oder auch gesellschaftliche und soziale Kriterien wie Nachhaltigkeit, Mitarbeiterzufriedenheit oder gesellschaftliche Teilhabe.

Um diese dynamisierten Lern- und Trainingsanforderungen für Logistikmitarbeitende beherrschbar zu machen, braucht es flexible und personalisierte Lernsysteme und Lernumgebungen. Wie das in der Praxis aussehen könnte, wird am ild Institut für Logistik- & Dienstleistungsmanagement im Rahmen des Entwicklungsprojektes ‚CreateMedia in Mobility and Logistics – Innovative Weiterentwicklung der Logistik-Aus- und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen‘ (MARTINA) untersucht. Ziel ist es, eine Lernplattform für Trainings- und Schulungsprojekte im Logistikbereich zu entwickeln und zu etablieren. Dabei wird bei der Umsetzung auf die Kompetenzen der Medien- und Kreativwirtschaft in Bezug auf innovative und motivierende Instrumenten zum Beispiel in Form von Smartphone-Apps zurückgegriffen. Eingebunden sind daher neben der FOM Hochschule das Institut für Kunst- und Designwissenschaft der Folkwang Universität der Künste, die TÜV Rheinland GmbH, die T.W.O.-Agentur für Werbung und Markenprofil sowie paluno – The Ruhr Institute for Software Technology (Universität Duisburg-Essen). Das Projekt MARTINA wird im Rahmen des NRW-Leitmarktwettbewerbs „Medien und Kreativwirtschaft“ vom Land Nordrhein-Westfalen unter Einsatz von Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) 2014-2020 „Investitionen in Wachstum und Beschäftigung“ gefördert.

Prof. Dr. Matthias Klumpp, Direktor des ild Institut für Logistik- & Dienstleistungsmanagement

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