Neue Zielgruppen für die Hochschulen: Prof. Dr. Zimmer über die Notwendigkeit, mehr Menschen ein Studium zu ermöglichen - FOM forscht

Neue Zielgruppen für die Hochschulen: Prof. Dr. Zimmer über die Notwendigkeit, mehr Menschen ein Studium zu ermöglichen

Prof. Dr. Marco Zimmer vom ipo Institut für Personal- & Organisationsforschung der FOM Hochschule plädiert für eine verstärkte Umsetzung der Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung. Deshalb stellt er das Thema ins Zentrum der 4. Fachtagung Hochschulpolitik und Hochschulmanagement an der FOM Hochschule in München: Am 22. Oktober geht es von 9:30 bis 16:30 Uhr um „Aspekte der neuen Durchlässigkeit an Hochschulen“.

Prof. Dr. Zimmer, warum ist das Thema „Durchlässigkeit“ für Deutschland so wichtig?

Es gibt viele Gründe: Bildungsgerechtigkeit, Standortsicherung usw. Ich will zwei herausgreifen: Zum einen führen die gestiegenen Anforderungen im Beruf dazu, dass der Arbeitnehmer sich regelmäßig fortbilden sollte. Stichwort: lebenslanges Lernen. Immer mehr Aufgaben am Arbeitsplatz erfordern akademisches Wissen. Eine Möglichkeit, dieses zu erlangen, ist ein berufsbegleitendes Studium.

Ein anderer Grund sind der viel beschworene demographische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel, der auch die akademischen Berufe, insbesondere die MINT-Fächer, betrifft. Wenn der „klassische“ Arbeitskräftepool nicht mehr ausreicht, um den Bedarf der Unternehmen zu decken, müssen neue Zielgruppen für Beruf und Ausbildung erschlossen werden. Das können u.a. Menschen ohne Abitur sein, denen aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung ein Hochschulzugang gewährt wird. Oder Personen, die sich zunächst für eine duale Ausbildung entschieden haben und diese durch eine akademische Ausbildung ergänzen oder vertiefen. Ich denke auch an Berufsrückkehrer nach einer Familienphase, die einen beruflichen und qualifikatorischen Neustart anstreben.

Welche didaktischen und organisatorischen Herausforderungen kommen auf die Hochschulen vor dem Hintergrund der Durchlässigkeit in den kommenden Jahren zu?

Auf der didaktischen und organisatorischen Ebene müssen sich Hochschulen mit neuen Zielgruppen auseinandersetzen: Die „neuen Studierenden“ sind älter und bringen häufig weniger Zeit, aber wesentlich mehr praktische Berufserfahrung mit als die typischen grundständigen Vollzeitstudierenden. Sie haben zum Teil mehr Praxiserfahrung als ihre Hochschullehrer und sind geneigt, die ihnen vermittelten theoretischen Konzepte auf praktische Sinnhaftigkeit und Anwendbarkeit zu hinterfragen. Viele Studierende begegnen dem Hochschullehrer auf Augenhöhe. Dem Vorsprung an theoretischem Wissen des Hochschullehrers steht ein Mehr an praktischer Erfahrung auf Seiten des Studierenden gegenüber.

Diese „neuen Studierenden“ fordern mehr Flexibilität von Seiten der Hochschule: Die Studenten haben häufig weitere Verpflichtungen und nicht die Möglichkeit, jederzeit eine Vorlesung oder ein Seminar zu besuchen. Sie wünschen sich planbare Blockungen von Veranstaltungen – auch mal an einem Wochenende – oder die Möglichkeit, versäumte Veranstaltungen mittels E-Learning nachzuholen. Dies sind Anforderungen, auf die der Hochschulbetrieb in weiten Teilen noch nicht eingestellt ist.

Wie wichtig ist die Öffnung der Hochschullandschaft im nationalen wie internationalen Kontext?

Gerade im internationalen Kontext spielt die Öffnung eine herausragende Rolle. Das Ziel von „Bologna“ war nicht nur, Master- und Bachelorstudiengänge einzuführen. Es geht auch um die Anerkennung von im Ausland erworbenen Bildungsabschlüssen und die Möglichkeit, diese durch weitergehende Studien an deutschen Hochschulen zu vertiefen. Ebenso sind Migranten und Personen mit Migrationshintergrund eine Zielgruppe, die im Rahmen der oben erwähnten Vergrößerung des Arbeitskräftepools immer wieder genannt wird.

Welche Lösungsansätze gibt es bereits?

Im Bereich der öffentlichen Hochschulen wurden in den vergangenen Jahren, oft gefördert durch nationale oder EU-Programme, viele Konzepte entwickelt, die die obengenannten Zielgruppen ansprechen. Beispielhaft seien hier genannt: E-Learning oder Blended-Learning Angebote, die es Studierenden erlauben, ihr Studium flexibler zu gestalten. Möglich sind auch Teilzeitstudienangebote, die auf eine größere Vereinbarkeit von Studium und Beruf oder Familienverpflichtungen abzielen. Im größeren Maße wird dieses Feld allerdings von den privaten Hochschulen bespielt, die sich mit Angeboten wie den gerade genannten oder mit an die Bedürfnisse von Berufstätigkeiten angepassten Zeitmodellen diese Zielgruppe frühzeitig erschlossen haben.

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