Tourismus im Spannungsfeld von Pandemie und Overtourismus: Einblicke in ein anwendungsorientiertes Forschungsprojekt zu nachhaltiger Destinationsentwicklung - FOM forscht

Tourismus im Spannungsfeld von Pandemie und Overtourismus: Einblicke in ein anwendungsorientiertes Forschungsprojekt zu nachhaltiger Destinationsentwicklung

Wie kaum eine zweite Branche eilte die Tourismusbranche jahrzehntelang von einem Rekord zum nächsten – und kam dann angesichts der Corona-Situation fast vollständig zum Erliegen. Zuvor waren immer mehr Menschen nahezu grenzenlos unterwegs, die Umsätze stiegen und Räume, die einer touristischen Erschließung noch nicht zum Opfer gefallen waren, wurden immer seltener. Entsprechende Entwicklungen – die in der Öffentlichkeit häufig unter dem Schlagwort „Overtourismus“ diskutiert werden – gingen häufig zulasten der Umwelt und einer wünschenswerten Partizipation der lokalen Bevölkerung.

Prof. Dr. habil. Nicolai Scherle forscht am KCN KompetenzCentrum für nachhaltige Entwicklung der FOM zum Thema nachhaltige Destinationsentwicklung | © privat

Vor diesem Hintergrund forscht Prof. Dr. habil. Nicolai Scherle vom KompetenzCentrum für nachhaltige Entwicklung (KCN) der FOM im Projekt „Nachhaltige Destinationsentwicklung im Freistaat Bayern: Partizipative Ansätze für eine größere Tourismusakzeptanz?“. Gemeinsam mit Forschern der Technischen Hochschule Deggendorf sowie der Hochschule für angewandte Wissenschaften München analysiert er, wie eine größere öffentliche Akzeptanz des Tourismus erreicht werden kann. Zentrale Kooperationspartner sind die drei Projektdestinationen München, Tölzer Land und Fränkisches Seenland.

Herr Professor Scherle, wie ist denn der aktuelle Stand des Projektes inmitten dieser besonderen Situation, die ja sowohl konzeptionell als auch organisatorisch Auswirkungen haben dürfte?

Nicolai Scherle: Unser Projekt ist erfolgreich angelaufen, auch wenn die seit über einem Jahr andauernde Pandemie den Zeitplan etwas durcheinandergewirbelt hat. Die Interviews sollten – auch aus methodologischen Gesichtspunkten – eigentlich face-to-face durchgeführt werden, hier mussten wir auf Zoom umsatteln. Derzeit befinden wir uns mitten in der empirischen Phase. Die avisierten Fokusgruppen-Interviews können derzeit – aufgrund der Corona-Auflagen – leider nicht durchgeführt werden. Vor diesem Hintergrund planen wir eine Verlängerung des Forschungsprojekts. Ein entsprechender Antrag beim Bayerischen Zentrum für Tourismus, das dankenswerterweise unser Projekt finanziert, wird derzeit vorbereitet. 

Dafür wünschen wir Ihnen viel Erfolg! Und wie ist der aktuelle inhaltliche Stand?

Nicolai Scherle: Die ersten Interviews versprechen ausgesprochen interessante Ergebnisse. Entgegen landläufiger Meinung ist ja das Phänomen Overtourismus respektive Overcrowding in Corona-Zeiten keineswegs zum Erliegen gekommen, sondern hat sich vielfach nur verlagert: von Dubrovnik an den Walchensee oder von Venedig nach Westerland. Darunter leiden immer wieder die local communities, die sich häufig nur unzureichend in die planerischen Prozesse eingebunden fühlen. Eine ganzheitliche und partizipative Governance ist in diesem Fall eine Conditio sine qua non; gerade dann, wenn es um die Implementierung touristischer Großprojekte geht.

Worin bestehen Ihre Aufgaben im Projekt, wie ist die Aufgabenverteilung? 

Nicolai Scherle: Wir halten es analog zu Dumas‘ berühmten drei Musketieren: „Einer für alle, alle für einen.“ Deshalb haben wir ganz bewusst auf eine allzu strikte Aufteilung respektive Fragmentierung der einzelnen Projektaufgaben verzichtet, wobei natürlich jeder Projektpartner seine jeweiligen Stärken ausspielen kann. Dieses konzertierte Vorgehen erweist sich gerade in Pandemiezeiten als großer Vorteil, da es gleichfalls unsere Flexibilität erhöht. Ich selbst bin ja – wie so viele von uns – derzeit nicht nur als Hochschullehrer gefordert, sondern auch als Familienvater! Als Professor für Diversity ist es für mich ein besonderes Anliegen, dass auch im Privaten die Aufgaben gerecht verteilt sind. Die wertvollen Aspekte von Diversity Management, für die ich tagtäglich meine Studierenden sensibilisiere, möchte ich auch ganz bewusst im Alltag vorleben.

Sie sprechen Ihre Lehre an, sie lehren im FOM Hochschulbereich Wirtschaft & Management neben Diversity auch Intercultural Management. Können Ihre Studierenden auch von Ihrer Forschung profitieren? 

Nicolai Scherle: Für mich ist eine enge Verzahnung von Forschung und Lehre seit jeher eine echte Herzensangelegenheit, wobei ich meine Studierenden insbesondere für die immer komplexeren Herausforderungen einer möglichst nachhaltigen Entwicklung sensibilisieren möchte. Eine Destination, die sich für eine nachhaltige Inwertsetzung von Tourismus einsetzt, kann genauso als konkretes Benchmark fungieren wie ein mittelständisches Unternehmen, das auf interkulturelle Kompetenz und Diversity Management setzt. Denken Sie beispielsweise an jene Unternehmen, die frühzeitig die vielfältigen strategischen Potentiale personaler Vielfalt in Wert gesetzt haben und somit in Zeiten eines zunehmenden Fachkräftemangels und einer fortschreitenden Internationalisierung langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass diese Unternehmen nicht nur resilienter sind, sondern auch kreativer die derzeitige Pandemie meistern. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir wichtiger denn je, unserem akademischen Nachwuchs Perspektivwechsel jenseits von Shareholder-Value und Quartalsberichten zu erschließen.

Herzlichen Dank für diese Einblicke!

Professor Scherle lehrt am FOM Hochschulzentrum München.

Das Projekt wird durch das Bayerische Zentrum für Tourismus gefördert. Dabei handelt es sich um eine Tourismusinitiative des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie. Das zentrale Anliegen dieses an der Hochschule Kempten angesiedelten An-Instituts ist, das Wissen zwischen bayerischer Tourismuswirtschaft und Tourismusforschung zu transferieren. Das BZT wird vom Freistaat bis 2024 gefördert.

Das Interview führte Yasmin Lindner-Dehghan Manchadi M.A. | Referentin Forschungskommunikation | 17.05.2021 

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

3 × vier =